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Blog 6 Min Lesezeit 14. Mai 2026

Pilot-Friedhof: Warum 70 % der KI-Initiativen nie skalieren

Was vier Konzern-Pilotprojekte gemeinsam haben — und wo der eigentliche Bruch passiert.

aus dem maschinenraum
„Wir haben das Modell aufgesetzt — und dann passierte einfach nichts mehr."

Ich sitze in einem Steering-Komitee. Fünfzehn Leute. Drei Monate Pilotprojekt. Ein Modell läuft, ein PowerPoint ist fertig, eine Zahl steht auf der letzten Folie: 38 % Effizienzgewinn. Alle nicken. Niemand fragt nach.

Sechs Monate später frage ich nach. Was ist aus dem Piloten geworden? — „Ehrlich gesagt: nichts." Das Modell läuft noch, aber nur, weil niemand es abschaltet. Genutzt wird es nicht. Die 38 % stehen weiterhin in der PowerPoint. Die Folie wird beim nächsten Townhall gezeigt.

Das ist kein Einzelfall. Das ist der Pilot-Friedhof, und er sieht in jedem Konzern, mit dem ich gearbeitet habe, ziemlich gleich aus. Lasst uns reinschauen, woran das eigentlich liegt — und was ihr ändern könnt, bevor ihr den nächsten Piloten aufsetzt.

Was ich in vier Projekten gesehen habe

Zwischen 2024 und 2026 habe ich vier KI-Pilotprojekte aus der Nähe begleitet: zwei in der Versicherung, eins im Mittelstand-Maschinenbau, eins in der Logistik. Unterschiedliche Use-Cases — von Vertragsanalyse über Schaden-Triage bis Wartungs-Forecast. Alle waren technisch erfolgreich. Drei davon stehen heute auf dem Friedhof.

Das Muster:

  • Niemand war wirklich verantwortlich. Es gab Sponsor:innen, eine Projektleitung, ein KI-Center-of-Excellence. Aber niemand, der gesagt hätte: Wenn das nicht produktiv geht, ist es mein Problem.
  • Der eigentliche Prozess war ungelöst. Vor der KI war er chaotisch — und die KI hat das Chaos jetzt schneller produziert.
  • Die Erfolgskriterien waren technisch, nicht geschäftlich. „Accuracy 92 %" stand auf der Folie. „Vertragsdurchlaufzeit" stand nirgends.
  • Es gab keinen Plan für Tag 31. Pilotende war ein Stichtag, kein Übergabepunkt.
KI macht eure Prozesse nicht besser. KI macht eure Prozesse sichtbarer. Wenn die Prozesse nicht stehen, scheitert nicht die KI — sondern wird das, was vorher schon schief lag, jetzt richtig laut.— Aus dem Decision Lab, März 2026

Die Frage, die niemand stellen will

„Ist das wirklich ein KI-Problem?" — diese Frage stelle ich in fast jedem Erstgespräch. Reaktion: kurzes Schweigen, dann meistens ein zögerliches „… vielleicht nicht."

Wenn der Pilot scheitert, hat das selten technische Gründe. Es hat meistens organisatorische Gründe: Wir haben eine Lösung gebaut, ohne das Problem ehrlich aufgemacht zu haben. Wir wollten KI — also haben wir uns einen KI-fähigen Anwendungsfall gesucht. Das ist die falsche Reihenfolge.

Drei Checks für den nächsten Piloten

Bevor ihr in die Implementierung geht, fragt euch drei Dinge — und beantwortet sie nicht im Workshop, sondern mit den Leuten, die am Tag 31 damit arbeiten sollen:

  1. Welche Entscheidung trifft sich durch das Modell anders? Wenn die Antwort „keine" oder „weiß ich nicht" ist — stop.
  2. Wer übernimmt das Ding nach dem Pilot? Namentlich. Kein „die Fachbereich" und kein „das KI-CoE".
  3. Was muss vorher organisatorisch stehen? Prozess, Rolle, Datenquelle, Eskalationsweg. Wenn da etwas fehlt, baut zuerst das.
Reality-Check

Wenn ihr diese drei Fragen vor Pilot-Start ehrlich beantworten könnt, ist die Chance auf Skalierung schon deutlich höher. Wenn nicht — spart euch das Budget. Macht erst die Hausaufgaben.

Was ihr stattdessen tun könnt

Ich bin nicht KI-skeptisch. Ich bin Pilot-Friedhof-skeptisch. Es gibt KI-Projekte, die funktionieren — und sie haben eine Sache gemeinsam: Sie haben gar nicht erst als „KI-Projekt" begonnen. Sie haben mit einer Geschäftsfrage begonnen, einer klaren Verantwortung, und einem ehrlichen Blick auf den Prozess dahinter.

Das ist unromantisch. Es macht keine glänzenden Townhall-Folien. Aber es ist der Unterschied zwischen einem KI-Use-Case und einem PowerPoint-Use-Case.

Wenn ihr gerade in der Pilot-Phase steckt und das hier euch komisch bekannt vorkommt: Lass uns reden. 20 Minuten, ehrliche Diagnose, kein Verkaufstermin.

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